Galliumhort von Heinz Schütz

Galliumhort

von Heinz Schütz

0. Die Faszination von Gold liegt in seinem Glanz, die Faszination von Edelsteinen in ihrem Funkeln. Der Künstler-Goldschmied Peter Bauhuis verhilft Schmuck aus Gallium – ein im erkalteten Zustand durchaus stumpfes Material – mit märchenhaften Narrationen und wissenschaftlichem Framing zu semantischem Glanz. Im Schein von Bauhuis´ archäologischer Beleuchtung entfaltet der von ihm gefertigte Schmuck einen irritierenden Schimmer, der grundsätzliche Fragen nach Echtheit, Falschheit und Wahrheit aufwirft.

1. Echt und falsch. Die Frage nach der Echtheit stellt sich gewöhnlich insbesondere in Bezug auf Materialien und auf die Autorenschaft. Ein echter Goldring besteht aus Gold, ein echter Cézanne, wurde auch tatsächlich von Cézanne gemalt. Zweifellos ist der Schmuck des Galliumhortes aus echtem Gallium, die von Peter Bauhuis in die Welt gesetzte Behauptung allerdings, es handle sich um einen Fund aus der Hallstattzeit, der 1991 von Johann Niederpointner am Fuß des Dachsteingebirges entdeckt worden sei, stimmt nicht. Bauhuis hat, wie gesagt, die „Fundstücke“ selbst produziert. Der Schmuck ist also nicht echt, sondern - eine Fälschung? Offensichtlich nicht, die Begriffe „nicht echt“ und „Fälschung“ versagen hier. Bauhuis operiert nicht als Goldschmied auf der Ebene der womöglich betrügerischen Täuschung, sondern, Romanschriftstellern, Filmemachern und Theaterleuten vergleichbar, als konzeptueller Künstler auf der Ebene des Fiktionalen.

2. Wahr und  falsch.  Schmuck ist nicht wahr, sondern allenfalls echt. Echtheit wird gewöhnlich mit wissenschaftlichen Methoden überprüft. Wissenschaftliche Aussagen basieren wiederum auf der Unterscheidung von wahr und falsch. So betrachtet besteht ein Zusammenhang zwischen Echtheit und Wahrheit. Ob wissenschaftliche Aussagen wahr oder falsch sind, kann von Laien, und nicht nur von diesen, meist nicht überprüft werden. Der Wahrheitsgehalt wissenschaftlicher Aussagen wird zumindest von der Allgemeinheit letztlich ungeprüft akzeptiert, wenn einige oder alle der folgenden Bedingungen erfüllt sind: Das Behauptete ist logisch konsistent, es lässt sich einigermaßen mit bereits bestehenden Erfahrungen vereinbaren, die Quelle ist glaubwürdig und/oder die eingesetzten rhetorischen Patterns sind überzeugend. – Wenn Peter Bauhuis seine erfundene Erzählung über die Herkunft des Galliumschmuckes archäologisch fundiert, macht er sich wissenschaftliche Rhetorik und die Ästhetik wissenschaftlich fundierter Ausstellungen zu Eigen. Das heißt. er arbeitet mit Schautafeln, Vitrinen, Licht, Beschriftung, Begleitbroschüre, Lehrfilm, mit wissenschaftlicher Terminologie und archäologischen Argumenten. Der stärkste Beleg für die Glaubwürdigkeit seines archäologischen Märchens ist die Präsentation der Schmuckstücke im Museum, der archäologischen Staatssammlung  München. Auch wenn die Geschichte, die die Schmuckstücke zu einem Hallstattzeit-Fund deklariert, mitunter fantastisch anmutet, vertrauen wir insbesondere der Autorität des Kontextes und der wissenschaftlichen Argumentation. Wir vertrauen den Bildern des Lehrfilms und den Illustrationen der Lehrtafeln – unabhängig davon, ob das Gezeigte dem Gesagten entspricht, der optische Beleg suggeriert die Wahrheit des Behaupteten. Wir sehen etwa den Hallstättersee, Eingänge zu realen Bergwerken, ein tatsächlich existierendes Heft mit Aufzeichnungen, deren Autor und deren Inhalt allerdings fiktiv sind. Wir vertrauen den in den Interviews auftretenden Gesprächspartnern. Doch was hat es etwa mit dem Institut für neuere Archäologie auf sich, als deren Mitglieder sie sich ausweisen? Gibt es dieses Institut tatsächlich? Die Grenze zwischen Fiktion und Realität beginnt sich bei näherer Betrachtung der Galliumhort-Präsentation zu verwischen, Wahrheit erweist sich im Licht der Nichtwahrheit als Konstruktion.